Von der genossenschaftlichen Selbsthilfe zur Universalbank – Die Volksbank Reutlingen

Die Volksbank Reutlingen, eine der ältesten Genossenschaftsbanken in Baden-Württemberg, hat dem Wirtschaftsarchiv ihre Überlieferung übergeben. Am 5. Februar 1861 wurde sie nach den Ideen von Hermann Schulze-Delitzsch als Reutlinger Handwerkerbank von 17 Mitgliedern gegründet, darunter sieben Witwen. Auf einen Streich wurden sieben schwäbische Hausfrauen zu Bankgründerinnen. Im Familienbetrieb des alten Handwerks war die Hausfrau zugleich Geschäftsfrau und stand als Witwe buchstäblich ihren Mann, als die Genossenschaftsidee versprach, mit gegenseitigen Betriebsmittelkrediten dem gewerblichen Mittelstand den Weg in die Moderne zu ebnen.

Als eine der größten Kreditgenossenschaften im Lande nahm die Reutlinger Handwerkerbank 1908 den Namen Handels- und Gewerbebank Reutlingen an. Im „Dritten Reich“ wurde sie 1941 in Volksbank Reutlingen umbenannt. Aber nicht aus dem einförmigen „Volkskörper“ im nationalsozialistischen Ungeist, sondern aus ihren mannigfachen lokalen Traditionen entfaltete die genossenschaftliche Idee bleibende Anziehungskraft und öffnete immer breiteren Kreisen neue Horizonte. Die Volksbank Reutlingen zählte in den 1970er Jahren als Universalbank mit mehr als 20 Zweigstellen schon über 12.000 Mitglieder. Spitzenreiterin unter allen Volksbanken war sie in der Reisevermittlung für die bundesweite Marktführerin in Fernreisen NUR (Neckermann und Reisen).

Ab 1972 integrierte die Bank etliche Genossenschaftsbanken mit Wurzeln in umliegenden Gemeinden und den seit 1907 nach Reutlingen eingemeindeten Ortschaften. 2020 schloss sie sich selbst den Vereinigten Volksbanken mit Sitz in Sindelfingen an. Heute firmiert sie als Volksbank Reutlingen Zweigniederlassung der Vereinigte Volksbanken eG. Für diese betreut das Wirtschaftsarchiv bereits seit 2005 historische Geschäfts- und Verwaltungsakten, Mitgliederlisten und die wiederholt geänderten Statuten. Inbegriffen ist nun auch die Überlieferung der Volksbank Reutlingen mit ihren angeschlossenen Schwesterinstituten und Bankerinnen avant la lettre.

Anno 1861 inspirierte die Idee gemeinsamer Selbsthilfe im wirtschaftlichen Hot Spot zu Füßen der Alb ein Bankgeschäft auf Gegenseitigkeit. Dem Reutlinger Beispiel folgten seit den 1880er Jahren zahlreiche Gemeinden im Umland. Die traditionsbewussten Institute wurden zuletzt geschäftlich in den Vereinigten Volksbanken und historisch im Wirtschaftsarchiv vereint, um die vielseitige Geschichte der Genossenschaftsbanken im Südwesten zeitgemäß fortzuschreiben.

Bild links: Abgeändertes Statut der Reutlinger Handwerkerbank, 1887 (WABW Bestand B 568)

Bilder rechts: Jubiläumsschriften der Volksbank Reutlingen und mit ihr später vereinigter Institute (WABW Bibliothek, Ausschnitte der Titelseiten)



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