Boom oder Krise? – Wie vor 75 Jahren der Koreakrieg das „Wirtschaftswunder“ boosterte

Jede Zeitenwende beschert dem Wirtschaftsarchiv spannende Quellen, die der Nachwelt einen vieldeutigen Spiegel vorhalten. Als epochaler Vorschuss auf die Marktwirtschaft, die unseren Wohlstand bis heute prägt und trägt, gilt die Einführung der D-Mark in den westdeutschen Besatzungszonen im Juni 1948. Die neue Währung wirkte auch im Südwesten als Verstärker oder „booster“ des Warenangebots und die traditionsreiche schwäbische Textilindustrie trat in ihren zweiten Frühling. Weil so viel Energie in den nachholenden Konsum floss, geriet allerdings die kapitalarme Investitionsgüterindustrie gefährlich ins Hintertreffen. Anfang 1950 stieg die Arbeitslosenquote in der eben gegründeten Bundesrepublik auf 12 %.

Ein eilends verkündetes 5,4 Millionen D-Mark schweres Konjunkturprogramm fand kaum Resonanz. Das Blatt wendete sich erst im Juni 1950 mit dem Beginn des Koreakrieges, in dem auf Nordkorea mehr Bomben fielen als auf Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Die weltweit boomende Nachfrage nach Rüstungsgütern und Rohstoffen drängte auch die Wirtschaft im deutschen Südwesten mit Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau zu nachhaltiger Leistungssteigerung. Im damaligen Land Württemberg-Baden, mit vom Krieg gezeichneten Industriezentren wie Pforzheim und Heilbronn, Stuttgart und Esslingen, Karlsruhe und Mannheim, wuchs die industrielle Produktion in der zweiten Jahreshälfte 1950 um über 20 %!

Den Zeitgenossen freilich stellte sich der bald sogenannte „Korea-Boom“ als akute Krise dar. Dieser Sicht folgt inzwischen auch die historische Forschung. Denn der Weg von der Nachkriegswirtschaft zum Wirtschaftswunder blieb ebenso beschwerlich wie steil. Neben der Furcht vor einem Dritten Weltkrieg grassierten angesichts äußerst knapper Ressourcen nicht zuletzt in der so wichtigen Energiewirtschaft Sorgen um die Belastbarkeit des Marktes. Zehntausende Männer und Frauen fanden neue Arbeitsplätze, aber 1951 boomten auch die im Vorjahr noch stabilen Preise für Nahrungsmittel und Heizung und stiegen um rund 20 %. In einer neuerlich vom Krieg überschatteten Zeit waren ökonomische und damit zugleich soziale und politische Resilienz nur unter größter Anstrengung zu gewinnen. Daher wirken die lange vom Boom überstrahlten Spannungen der „Korea-Krise“ heute so fesselnd wie vor 75 Jahren.

 

Bild links: Aufruf zum betrieblichen Energiesparen, 1951 (A 19 Bü 14)

Bild rechts: WABW 1121/85



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