12.01.2026
War die Rente je sicher?
Wie das brandaktuelle Thema Rente schon vor 200 Jahren zum heißen Eisen wurde, lässt sich im Wirtschaftsarchiv gut nachvollziehen. Eine kreative Wegbereiterin war die Allgemeine Renten-Anstalt zu Stuttgart (ARA). Sie wurde 1833 als erste private Gesellschaft für das Rentenversicherungsgeschäft in Deutschland gegründet und beerbte kleinere Pensions-, Witwen- und Waisenkassen, die es vielerorts gab. Im Archivbestand der ARA bezeugt das eine zweihundertjährige Urkunde über den Erwerb von vier Aktien der Allgemeinen Württembergischen Privat Wittwen und Waisen Pensions Anstalt Rottenburg und Tübingen durch Oberamtspfleger Fischer in Neuenbürg und seine Gattin Heinrike Friederike (Bild links).
Im bürgerlichen 19. Jahrhundert wurde private Daseinsvorsorge zum Gebot und ihre Kapitaldeckung zur Gunst der Stunde. Der Versicherungsnehmer wurde zum Entrepreneur. Aktionäre mit Rentenanspruch auf Lebenszeit beerbten sich gegenseitig durch „Heimfall des Capitals an den Unternehmer“. Dank allgemein zunehmenden Wohlstands lag bei der ARA anno 1857 Versicherung auf steigende Renten voll im Trend (Bild rechts).
Eine Rente auf Aktien konnte sich freilich nicht jeder leisten. Der Boom industrieller Lohnarbeit machte Mut zu einem weiteren Experiment. 1891 trat die kapitalgedeckte gesetzliche Altersrente für Arbeiter in Kraft. Auch dieses Modell entwickelte ungeahnte Zugkraft. Der Versicherte wurde zum Rentenempfänger und der Staat zum Garanten – bis zwei Weltkriege den Kapitalstock verzehrten. 1957 begann die bis heute anhaltende Umlagefinanzierung der gesetzlichen Rente, eine Notlösung! Schon bald drängte sich die Frage auf, wie lange sie wohl zu halten sei. Das aktuelle Missverhältnis von Geburtenrate und Lebenserwartung erinnert einmal mehr daran, dass die Rente seit jeher genauso sicher ist, wie es allgemeiner Wohlstand und kreativer Mut erlauben.
Bild links: WABW, B 93 Bü 668
Bild rechts: WABW, B 93 Bü 690